Als das Gewissen geprüft wurde (AT)

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit ihrer Freundin durch den Wald. Plötzlich springt eine Horde Russen hinter einem Busch vor. Die wollen ihre Freundin vergewaltigen. Sie aber haben eine Maschinenpistole dabei. Was tun Sie?“


Als das Gewissen geprüft wurde (AT)

Heute gibt es in Deutschland keine Wehrpflicht mehr. Sie ist bis auf weiteres ausgesetzt. Aber der Kriegsdienst und seine Verweigerung sind im Osten und im Westen Deutschlands jahrzehntelang ein großes Thema für hunderttausende junge Männer und ihre Familien. Es beschäftigt sie intensiv und lange. Es greift tief in ihre Leben ein.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik legt fest: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Eigentlich müsste die Verweigerung also unproblematisch sein. Aber das Gegenteil ist damals der Fall. Verweigerer werden gerade in den 70er und 80er Jahren von staatlichen Stellen drangsaliert. Ihre Gewissen werden in inquisitorischen Verfahren geprüft – obwohl das gar nicht geht. Besonders bekannt geworden sind die „Notwehr-Fragen“ der Prüfer: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit ihrer Freundin durch den Wald. Plötzlich springt eine Horde Russen hinter einem Busch vor. Die wollen ihre Freundin vergewaltigen. Sie aber haben eine Maschinenpistole dabei. Was tun Sie?“

Wer dieses Verfahren durchsteht und als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wird, der wird Zivildienstleistender. Lange Jahre gelten diese vielen in der Bevölkerung als Drückeberger. Es dauert, bis der Wert ihrer Arbeit gewürdigt wird.

In der DDR gab es keinen Zivildienst. Junge Männer, die hier verweigern, müssen alternativlos in die Nationale Volksarmee. Als „Bausoldaten“ müssen sie zwar keinen Waffendienst leisten, aber schwerste Bauarbeiten für die Armee. Sie werden dabei geradezu wie Staatsfeinde, Zwangsarbeiter und Sträflinge behandelt.

In unserer Dokumentation erzählen wir die Geschichte eines Bausoldaten in der DDR, der auf Rügen am Hafen Mukran arbeiten musste und in der Großkaserne Prora eingesperrt war. Wir erzählen die Geschichte eines Verweigerers in der Bundesrepublik, der den üblichen Weg der Gewissensprüfungen durchlaufen ist. Zunächst wurde er abgelehnt, seine Gewissensentscheidung nicht akzeptiert – später dann anerkannt. Und ein weiterer Fall wird thematisiert: Ein westdeutscher Totalverweigerer. Er lehnt nicht nur den Wehrdienst ab, sondern auch den Zivildienst. Seine Begründung: Auch die Zivildienstleistenden werden in einem Krieg eingesetzt, nicht mit Waffen an der Front, jedoch um die „Heimatfront“ aufrechtzuerhalten. Als jemand, der jeden Dienst für einen Krieg ablehnt, wurde er also zum Totalverweigerer – und zu acht Monaten Haft verurteilt.

Tatsächlich ist das Thema Kriegsdienstverweigerung heute immer noch aktuell. Zwar gibt es keine Wehrpflichtigen mehr. Aber auch Zeit- und Berufssoldaten verweigern, erkennen, dass der Dienst für die Armee ihrem Gewissen zuwider läuft. Und ihr Gewissen wird wieder geprüft, von der Bundeswehr und von deutschen Gerichten. Obwohl das gar nicht geht.

Buch und Regie:
Knut Weinrich

Kamera:
Jens Saathoff
Resa Asarschahab

Ton:
Jens Saathoff
Resa Asarschahab

Schnitt:
Christoph Senn

Mischung:
Pierre Braud

Sprecher:
Stephan Schad

Postproduktion:
Malte Hadeler

Produktionsleitung:
Lilly Hartmann

Produktionsassistenz:
Lies Buchtmann

Producer:
Knut Weinrich

Produzent:
Reinhardt Beetz

Redaktion:
Christoph Mestmacher (NDR)

Koproduktion