Kultur oder Kommerz?

Der Kampf um die Stadt

Ob in Berlin, Paris oder London – überall in Europa werden ganze Stadtviertel von Investoren umgepflügt. „Gentrification“ nennen Soziologen diese Aufwertung. Der Dokumentarfilm „Kultur oder Kommerz“ zeigt, wie sich Künstler gegen diese Prozesse wehren. Denn sie sind die Pioniere, die Viertel mit günstigen Mieten entdecken und ihnen ein besonders Flair geben – bis die ersten Investoren kommen. Der Experte Prof. Hartmut Häussermann bringt diese Entwicklung im Film auf den Punkt: „Mieter rausschmeißen, viel investieren, anschließend gut verdienen – das ist das Modell.“

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  • 06/2011 - TV Premiere von "Kultur oder Kommerz"

    Unser Film Kultur oder Kommerz, über das künstlerische Aufbegehren gegen die „Gentrification“ von Städten, hatte seine erfolgreiche TV Premiere am [...]

    Kultur oder Kommerz

    Unser Film Kultur oder Kommerz, über das künstlerische Aufbegehren gegen die "Gentrification" von Städten, hatte seine erfolgreiche TV Premiere am Montag, den 20. Juni auf ARTE und ist nun 7 Tage lang online unter folgendem Link zu sehen:

    Film auf ARTE.tv



Kultur oder Kommerz?

Der Kampf um die Stadt

Ob in Berlin, Paris oder London – überall in Europa werden ganze Stadtviertel von Investoren umgepflügt. „Gentrification“ nennen  Soziologen diese Aufwertung. Der Dokumentarfilm „Kultur oder Kommerz“ zeigt, wie sich Künstler gegen diese Prozesse wehren. Denn sie sind die Pioniere, die Viertel mit  günstigen Mieten entdecken und ihnen ein besonders Flair geben – bis die ersten Investoren kommen. Der Experte Prof. Hartmut Häussermann bringt diese Entwicklung im Film auf den Punkt: „Mieter rausschmeißen, viel investieren, anschließend gut verdienen – das ist das Modell.“

London leidet seit Jahrzehnten unter diesem Modell – im Moment besonders der Osten der Metropole. Das Londoner Viertel „Hackney Wick“ hat der Soundkünstler Simon Reuben-White noch als reines Industriegebiet kennengelernt. Die Mieten waren bezahlbar, deshalb verschlug es über die Jahre tausende von Künstlern hierher – bis London den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhielt. Jetzt fallen Investoren ein, reißen Fabriken ab, in denen die Künstler ein Zuhause gefunden haben, und bauen riesige Anlagen für Olympia. Aus Protest hat Simon mit hunderten von anderen Künstlern ein Festival organisiert. Trotzdem bleibt ihm nur die Hoffnung, dass er nicht zu denen gehört, die vertrieben werden.

Auch in Hamburg hat breiter Protest gegen geldgesteuerte Planungskultur Tradition. Im Sommer 2009 gründeten Künstler unter der Schirmherrschaft des Malers Daniel Richter die Bewegung „Recht auf Stadt“ und besetzten das historische „Gängeviertel“, um gegen den Verkauf an einen holländischen Investor zu protestieren. Der Hamburger Senat musste sich dem übermächtigen Druck beugen und das Gängeviertel vom Investor zurückkaufen. Statt Luxussanierung entsteht jetzt bezahlbarer Wohnraum, Ateliers für Künstler und ein historisches Stück Hamburg bleibt dank der Protestbewegung erhalten.

Immobilienspekulation prägt das Gesicht aller europäischen Städte – auch das von Paris. Am weltberühmten „Place de Vosges“ im ehemals jüdischen Viertel „Le Marais“ hat „Jeudi Noir“, eine Gruppe aus Künstlern und Studenten, ein leer stehendes Schloss besetzt. Mit spektakulären Aktionen kämpfen sie gegen Leerstand, überteuerte Mieten und gegen die herrschende Wohnungsnot. Seit den 60er Jahren boomt hier die Spekulation. Als damals die Goldschmiedin Anne Glaser und der Instrumentenbauer James Chauvelin hierher zogen, war „Le Marais“ noch ein Arbeiterviertel mit günstigen Mieten. Das lockte Spekulanten an, die mit dubiosen Praktiken bereits vermietete Wohnungen zwangsräumen ließen. Heute gehört das Viertel zu den teuersten Wohngegenden von Paris – mit Luxusboutiquen und großen Caféhaus-Ketten, die nichts mehr vom jüdischen Charme spüren lassen.

Innenstadtnahe Ateliers in Paris  oder London sind kaum noch bezahlbar, deshalb zieht es viele Künstler nach Berlin. Der deutsche Videokünstler Julian Ronnefeldt, hat lange in London gelebt, der französische Musiker Guillaume Siffert in Paris. Für sie ist Berlin angesagt, denn das Leben hier ist günstig. Jedenfalls in Neukölln, einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt, in dem vor allem Migranten leben. Hier wirbt die Stadt sogar dafür, dass Künstler leerstehende Läden beziehen und das Viertel beleben.  Müssen auch hier bald die Künstler weichen? Und wird Neukölln in zehn Jahren ähnlich yuppisiert wie Berlin Mitte? Die Dokumentation „Kultur oder Kommerz“ zeigt Perspektiven, um die Stadt von morgen sozial gerechter zu gestalten.

Buch und Regie: Claudia Dejá
Produzent: Reinhardt Beetz
Kamera: Torben Müller
Ton: Bea Müller
Schnitt: Christoph Senn
Grafik: Stefan Matlik
Mischung: Pierre Brand
Sprecher: Nadja Schulz-Berlinghoff, Sandra Kob, Rainer Schmitt, Philip Schwarz
Produktionsleitung: Hannah Lenitzki, Cordula Stadter, Wolfgang Kramer (NDR)
Produktionsassistenz: Beate Renner, Malte Hadeler
Filmgeschäftsführung: Daniela Schöne
Redaktion: Kathrin Bronnert (NDR/ARTE)
Redaktionsassistenz: Angela Vietzke (NDR/ARTE)
Leitung: Ulrike Dotzer (NDR/ARTE)

Kooperation

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