Metropolis 17.06.2006

Das neue Dokumentartheater: Die Wallenstein-Inszenierung von Rimini-Protokoll
Ein Beitrag von Bettina Petry

Zwischen Illusion und Wirklichkeit: Auf den Spuren von Vasarely
Ein Beitrag von Bettina Haasen

Grbavica: Wie der diesjährige Berlinale Sieger den Sprachlosen eine Stimme verleiht
Ein Beitrag von Sybille Dahrendorf

Judith Malina zum 80sten – Pioniere des politischen Theaters
Ein Beitrag von Dirk Szuzies und Karin Kaper

Gilberto Gil – Musiker/Politiker/Rebell
Ein Beitrag von Susan Chales de Beaulieu

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Metropolis 17.06.2006

Das neue Dokumentartheater: Die Wallenstein-Inszenierung von Rimini- Protokoll
Ein Beitrag von Bettina Petry

Sie alle sind Experten in eigener Sache: Die Menschen, die von den Theatermachern der Gruppe Rimini-Protokoll auf die Bühne geholt werden. Ob Leichenbestatter oder Friedhofsmusiker, ob Heiratsvermittler oder Herzchirurgen, Kommunalpolitiker oder ehemalige Soldaten – auf der Bühne sind sie alle Laien. Doch sie haben einen großen Vorteil: sie wissen genau, wovon sie sprechen.
Spätestens seit 2002 ist die Gruppe Rimini-Protokoll in Deutschland berühmt für ihr dokumentarisches Theater, das den Zuschauer direkt mit der Realität konfrontiert. Mit ihrer neuesten Inszenierung ist die Gruppe bereits zum zweiten Mal zum Berliner Theatertreffen, der bedeutendsten Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters, eingeladen. Für ihren “Wallenstein” haben sie Menschen gesucht, in deren Biographien sich Motive aus Schillers Original spiegeln: Menschen, die politische Machtspiele, Fragen von Gehorsam und Loyalität sowie persönliche Erschütterungen am eigenen Leib erfahren haben und nun auf der Bühne davon erzählen. Das ist berührend und komisch zugleich, denn eines schwingt für den Zuschauer immer mit: Was er hier erzählt bekommt ist zwar inszeniert, aber nie erfunden.

Zwischen Illusion und Wirklichkeit:  Auf den Spuren von Victor Vasarely
Ein Beitrag von Bettina Haasen

Der ungarische Künstler Victor Vasarely gilt als einer der Hauptvertreter der Op-Art, einer Kunstrichtung, die mittels optischer Reize die Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters verändert. Vasarely war aber auch für seine radikalen Gedanken bekannt: „Die Kunst der Privilegierten muss eine Kunst aller werden“. Von Pecs (Ungarn) zog Vasarely in den 30er Jahren nach Paris, die Stadt, in der Vasarely sich seiner kinetischen Kunst widmete und nach dem Krieg nach Südfrankreich, wo er in Aix-en-Provence 1973 sein „Ideenlabor“, die „Fondation Vasarely“ entwarf. Heute liegt das Museum im Herzen eines Autobahnkreuzes, und obwohl ihm der Verfall droht, ist es ein meditativer Ort der Künste und des internationalen Austauschs geblieben.

„Grbavica“: Wie der diesjährige Berlinale Sieger den Sprachlosen eine Stimme verleiht
Ein Beitrag von Sibylle Dahrendorf

Die junge Filmemacherin Jasmila Zbanic aus Sarajevo hat in diesem Jahr mit ihrem Film den Goldenen Bären der Internationalen Filmfestspiele in Berlin gewonnen. Seitdem ist sie unerlässlich unterwegs, von einem Festival zum nächsten, von einem Kinostart zum anderen. In Sarajevo gibt es kaum jemanden, der „Grbavica“ nicht gesehen hat. In der Republika Srspka hingegen stößt der Film auf Ablehnung.
Jasmila Zbanic, Anfang 30, gehört zu jenen Künstlerinnen des ehemaligen Jugoslawiens, die sich direkt nach dem Krieg und ohne große Mittel filmisch mit den Folgen des Krieges auseinander gesetzt haben. In all ihren Filmen erzählt sie schonungslos von den Folgen und den Traumata des Krieges, aber auch von den Möglichkeiten, diese zu verarbeiten. In „Red Rubber Boots“ (2000) etwa, ihrem wohl verstörendsten Film, steht eine junge Mutter auf  der verzweifelten Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Kinder im Mittelpunkt. Und um Mutterschaft geht es auch in ihrem Gewinnerfilm der diesjährigen Berlinale. In „Grbavica“ müssen die beiden Hauptfiguren des Films, Mutter und Tochter, mit dem Vermächtnis der Vergangenheit und der Wahrheit fertig werden: Die allein erziehende Esma, die mit aller Kraft ihr Vergewaltigungstrauma hinter sich lassen will und in Sprachlosigkeit versucht, zu einem normalen Leben zurückzufinden. Und ihre 12jährige Tochter Sara, die als Kind dieser Vergewaltigung auf die Welt kam, aber lange in dem Glauben lebte, die Tochter eines „shaheed“, eines Kriegshelden zu sein.

Judith Malina zum 80sten – Pionierin des politischen Theaters
Ein Beitrag von Dirk Szuzies und Karin Kaper

Mit sensationellen und provokanten Stücken eroberte das „Living Theatre“ in den 60ern und 70ern die Bühnen und Straßen der Welt und seine Gründerin Judith Malina gilt bis heute als unbestrittene Ikone des politischen Theaters. Kämpferisch und kompromisslos ist sie 55 Jahre lang ihrem Ruf als streitbare Pazifistin treu geblieben. Wenn sie auch in früheren Jahren als Vaterlandsverräterin, „Drecksjüdin“ und „Zigeunerin“ diffamiert und wegen angeblicher Gefährdung öffentlicher Sicherheit mehrfach verhaftet wurde, so hat sich Malina ihre ansteckende Lebensfreude und charismatische Ausstrahlung bis heute bewahrt. Bösen Zungen, die da behaupten, sie gehöre doch schon zum alten Eisen, entgegnet sie mit einem Lächeln: „ I know, I am in a race with death, I know who will win at the end, but in this moment I am winning !“

Gilberto Gil – Musiker/Politiker/Rebell
Ein Beitrag von Susan Chales de Beaulieu

Gilberto Gil, heutiger Kultusminister Brasiliens, rief Anfang der 60er Jahre zusammen mit Caentano Veloso auf der Suche nach einem neuen musikalischen Ausdruck den „Tropicalismo“ ins Leben, jene kulturell-politische Bewegung, in der die Brasilianer gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Militärdiktatur rebellierten. Gilberto Gils rastlose Energie, ob als pflichtbewusster Staatsminister oder als hingebungsvoller Poet auf der Bühne, gilt der Rückbesinnung auf die kulturelle Identität Brasiliens. So erinnert er in seinem Werk zum Beispiel an die afrikanischen Wurzeln seines Volkes, kämpft für die Erhaltung des historischen Erbes der brasilianischen Städte und gründete die Umweltschutzinitiative Onda Azul (Blaue Welle). Seelenvoll verbinden sich in Gilberto Gil zwei scheinbar gegensätzliche Lebensformen und sein Volk liebt ihn, den entschlossenen Freiheitskämpfer und den begnadeten Sänger. Gilberto Gil ist nach wie vor der große musikalische Poet auf der Bühne und erhielt 2005 für sein musikalisches Gesamtwerk den inoffiziellen Nobelpreis, den Polar Music Prize. Die gesamte populäre Musik Brasiliens wäre nicht das, was sie ist, ohne die charismatische Figur Gil und seinen musikalisch/politischen Wegbegleitern.

Schnitt: Wolfgang Lehmann, Torsten Essig
Mischung: Dirk Schwibbert
Koordination: Arte G.E.I.E. Laurent Andrés
Produktion: Christian Beetz, Eva Rink, Philipp Weigold
Redaktion: Eva Rink, Razvan Georgescu
Redaktion ZDF: Martin Pieper

Koproduktion

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