Moderne Ruinen

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Moderne Ruinen – Fordlândia

4. Fordlândia – Henry Fords Utopia im Amazonas

Fordlândia, der Stadt gewordene amerikanische Traum, steht heute als moderne Ruine mitten im brasilianischen Dschungel und erzählt von den Grenzen der Globalisierung, lange bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. 1928 wollte der Autokönig Henry Ford mit seiner Mustersiedlung im Amazonas nicht nur die Kautschukproduktion für seine Autos sichern, sondern in einem zivilisatorischen Experiment auch das amerikanische Lebensmodell in den Urwald verpflanzen. Doch so kühn wie seine Vision und so entschlossen wie er 20 Jahre lang Geld in das Projekt pumpte ohne je ein Kilo Kautschuk zu ernten, so gnadenlos und unerbittlich ist sein Projekt auch gescheitert. Mensch und Natur haben zurückgeschlagen – heute ist Fordlândia eine spektakuläre, halb verlassene, modernde Dschungelstadt, eine moderne Ruine die vom Platzen des amerikanischen Traums erzählt.

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Moderne Ruinen – Fordlândia

4. Fordlândia – Henry Fords Utopia im Amazonas

Alles hatte so großartig begonnen, als Henry Ford Ende der 1920er Jahre den brasilianischen Urwald auswählte, um den steigenden Kautschukbedarf für die Reifenproduktion zu decken und um seine Version des amerikanischen Traums hierher zu exportieren. Fordlândia sollte eine Mustersiedlung nach amerikanischem Vorbild werden – mit schindelgedeckten Holzhäusern, feuerroten Hydranten und striktem Alkoholverbot. Die Ureinwohner aus dem Dschungel sollten sich unabhängig von Hitze und Wetter an feste Arbeitszeiten gewöhnen und zu ihrer eigenen Gesundheit ungeliebte Speisen wie etwa Naturreis, Haferbrei und Dosenfrüchte essen. Doch das ungewöhnliche Projekt kam schnell ins Stocken. Trotz eines Krankenhauses und guter medizinischer Versorgung war die Sterblichkeit unter den Arbeitern hoch, Malaria grassierte, schon 1930 lagen 300 Menschen begraben auf dem Friedhof. Zudem wuchs der Unmut unter den Arbeitern, die sich nicht in die streng durchorganisierten Arbeitsabläufe einfügen wollten und die Löhne in Bordellen und Bars ausgaben. Immer wieder mussten bewaffnete Söldnertruppen eingreifen, um die Lage zu beruhigen.

Auch bei der Entwicklung der Plantagen gab es ähnliche Schwierigkeiten wie bei dem Aufbau der Ford’schen Gesellschaft. Rodung des Regenwaldes in der Regenzeit, Zerstörung des eigentlich fruchtbaren Bodens durch Brandrodung, sowie Fehler im Anbau der Kautschukbäume und dadurch hervorgerufener Schädlingsbefall warfen die erhoffte Entwicklung immer wieder zurück. Doch so schnell gab sich der damals reichste Mann der Welt nicht geschlagen: er tauschte das korrupte und unfähige Management, feuerte fast alle Arbeiter, ließ Bars und Bordelle abreißen. Parallel dazu wurden tausende neue Arbeiter rekrutiert, zeitweise lebten in Fordlândia mehr als 8.000 Menschen. Straßen wurden geteert, Schulen, Friseure, Bäckereien und Fleischereien eröffnet. Es gab sogar eine Golfanlage und regelmäßige Gartenwettbewerbe. Und weil der Autokönig aus Detroit klassische Musik liebte, wurde auf Betriebsfesten auch im Dschungel Walzer statt Samba gespielt.

Doch die eigentliche Schlacht – gegen die Natur – verloren die amerikanischen Ingenieure. Weil sie die Kautschukbäume, die urwüchsig weit voneinander entfernt stehen, dicht an dicht pflanzten, schufen sie einen idealen Brutkasten für Schädlinge wie Pilze, Käfer und Raupen. Millionen von Bäumen gingen ein. Latex wurde in Fordlândia deshalb nie gewonnen, obwohl 1941 über 3,6 Millionen Kautschukbäume auf den Plantagen standen.

Als sich der inzwischen 82-jährige Henry Ford 1945 aus dem Unternehmen zurückzog, verkaufte sein Sohn Henry Ford II als eine seiner ersten Amtshandlungen alle Besitzungen am Amazonas. Auf den heutigen Wert umgerechnet hatte sein Vater eine Milliarde Dollar investiert. Heute ist der gigantische Wasserturm – das damals größte von Menschenhand geschaffene Gebäude im Amazonas – das weithin sichtbarste Symbol der gescheiterten Utopie. Die Überreste der amerikanischen Kleinstadt sind noch zu sehen, aber verschmelzen immer mehr mit der Natur. Unweit von Fordlândia leben einige der Nachfahren der ehemaligen Arbeiter in der Gewissheit, dass der Mensch die Natur nicht beherrschen kann und erzählen von einem reichen Mann, der Natur und Mensch nach seinem Vorbild gestalten wollte und kläglich damit gescheitert ist.

Die Protagonisten

Miguel de Souza, Sohn eines Ford-Arbeiters, der mit seiner Familie in Fordlândia geblieben ist und nun von staatlicher Unterstützung lebt. Während die verlassene amerikanische Siedlung völlig der Natur überlassen ist, leben in den ehemaligen Baracken der Arbeiter heute noch etwa 800 Menschen.

Teresa Sosa erlebte damals die Invasion der Amerikaner mit ihren Maschinen und ihr klägliches Scheitern in der grünen Hölle. Bis heute lebt sie mit ihrer Familie in dem Arbeiterhaus, das ihr damals zugedacht wurde und hat alle Hände voll zu tun, ihr Heim bewohnbar zu halten. Die eigentlich fortschrittlichen amerikanischen Blechdächer rosten im feuchten Urwaldklima noch schneller.

Carlos Mendes, Naturschutzbeauftragter der örtlichen Regierung, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das 10.000 km2 große Areal möglichst effizient den lokalen Anwohnern und der Natur zurück zu führen. Bisher ist es ein aussichtsloses Unterfangen.

Buch und Regie: Christiane von Schwind
Kamera: Florian Pfeiffer
Schnitt: Johannes Hiroshi Nakajima
Ton: José de Arimathea Fernandes
Musik: Eike Hosenfeld, Moritz Denis, Tim Stanzel
Graphik: Susanne Radelhof
Produktionsleitung: Kathrin Isberner
Produktionsassistenz: Susanne Heinz, Nick Pastucha
Producer: Anahita Nazemi
Produzent: Christian Beetz
Redaktion ARTE/ ZDF: Marita Hübinger, Caroline Auret

Kooperation

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Förderer

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